Biographische Übung

Man prüfe, wieviele von den gymnasialnahen Mädchen aus der Jugend des 70jährigen Affentheater-Zitierers sehr wohl »Einzige« hätten sein können und was die Gründe dafür sind, daß sie es a) nicht oder b) in anderen Aspekten geworden sind. Man prüfe sodann, ob jene gymnasialnahen Mädchen in ihrem Alter ebenso guten oder schlechten Grund zu einer Analogfeststellung, den Mann betreffend, haben mögen und wenn nicht, dann warum nicht. Man prüfe weiters das gegenwärtige und verschiedene zukünftige Gesellschaftssysteme auf günstige Abweichungen von jenen pessimistischen Statements. Man verweile schließlich nur bei genügender Dickhäutigkeit länger im Prüfsaal, denn bald quarren gutgeschiedene Kritiker los, man beschäftige sich mit wenig anderem als der Partnerwahl, also einem Problem, das im Leben ganz und gar keine Rolle spiele.

Bier 4

Mytilla Mitil tupfte sich behutsam die biernassen Lippen, obwohl das fliederfarbene Wachs ohnehin schon abgegessen war. Die Studenten waren bei näherem Hinsehen alle fad, wie Zahlenkolonnen eines balneometeorologischen Berichts oder Prospekte unbegehrter Maschinen. Es wäre mir ein leichtes, dachte Mytilla, hier einen Anfang zu setzen; warum sollte bei uns keine ordnungsgemäße eheeinleitende Beziehung einrichtbar sein, wenn wir nur zur rechten Zeit die Spielregeln von Mimik und Wortkleister einhalten, uns auch wohl ein bißchen frei geben und ein bißchen generationsbewußt. Wir werden Kerzenleuchter aus Polenkristall haben und die preiswerten Drehkreuzfauteuils, sobald Peters Praxis nur läuft. Mytilla Mitil verhinderte in Wahrheit mit glücklicher Anti-C'est-la-vie-Routine jede Eheanbahnung an diesem und vielen anderen Abenden und legte den Kern ihrer Lustperson einstweilen, yoga-präzis, in den Anti-Mann Bier, in die Einswerdung mit dem gutgekühlten kohlensäurestechenden aromatisch ausgewogenen Trendelag Export.

Blaue Trichter

Encore Edibelbek, der Bub, hatte zuhaus eine Spielzeugmühle (durch die er Spinat, Erde und sogar tote Vögel drehte) und einen blaulackierten Fabriktrichter, zehn bis fünfzehn Meter hoch, auf der Autostrecke vor seinem Heimatdorf. Die Autofahrten von Fabriknest zu Fabriknest waren ein Gemisch von Jubel und Angst (Kreissäge 3), aber bei dem grellblauen Trichter gab es keine Angst, nur Jubel. Encore wußte in irgend einer fastabgeschalteten Ganglienzelle, daß das Leben nicht immer aus so einem allesbefriedigenden Grellblau bestehen würde, eingebettet in Grellgrün und das blassere aber durchsonnte Hellblau des Sommerhimmels. Darum lebte er in den Vormittag hinein und schrie, wenn er die paar Dutzend Male im Leben an dem grellblauen Trichter vorbeifuhr, vorbehaltlos sein Begrüßungslied. Daß es kein Haus, kein Schlot war, sondern ein unverständlicher Trichter, trug zu dem Reiz gewiß bei.