»Sehnsucht«

Der Terminus ist sträflich, das Vertexten seines semantischen Inhalts out.

Die Menschensuchlaterne als Realität des Menschelns indessen ist so aktuell, daß sie, allenfalls auf den neuesten Stand der Plasma und Laser-Lampisterie gebracht, auf keiner Welt-Ausstellung fehlen sollte. Oder haben mehr als 99% Ihrer Bekannten die optimale Nachbarschaft gefunden?

Schweinchenrosig

Spar dir ein Fleckchen Haut auf, um dort schweinchenrosig zu sein. Entgegen aller Bräunungsmode ist S. die Farbe der Intimität.

Senf

Das ist jetzt erst richtig Stadt. Die Geschichtslehrbuchhäuser noch von Kublai Khan oder Kriemhild gekalkpinselt, voll Rinnspuren des siedenden Goldes, das Atezuaheketl (der eigentliche Beherrscher der Wachau) auf Raubritter Rinnomar, der aus dem Kamptal zu Brandbesuch geritten kam auf drei aneinandergebundenen bemesserten Eseln mit Fackelschwänzen, aus allen Fenstern träufeln ließ, und voll Tränenspuren der zwölf Nächte lang in Pfauensuppe gesottenen Jungfrauen (Emil Botokude, Greuelgeschichte der Wachau, Nürnberg 1892), die Augustus Livianus das ius primae noctis verwehrt hatten und dafür nun den waffenbraven Söldnern aus dem Kongo vorgesetzt werden sollten (aber ein Steinregen aus dem damals noch tätigen Senfer Kogel verhinderte es), die Backstube, in die zur Herstellung der berühmten Kindelwecken nicht so standhaft gebliebene Wachauerinnen ihre Schandgeburten trugen (die Bäckersfrau wurde 1332 vor die Hunde geworfen), die Wagenschmiede, in der die Fürstin von Senf ihrer Nebenbuhlerin eine Eisenkrone in den Kopf schlagen ließ, der Brunnen, in dem die Fürstin dann endete, vom Fürsten mit ertrinkenden Wieseln zugeschüttet, all die vor Schreck und Kummer blassen Fassaden — oder sind es zum Städtchenfest hellgepuderte Winzerinnen — rosa, lindgrün, puppenblau — rollen an der offenen Strecke meiner Optik ab, von uns DonauDingen nur durch die rascherlaufende Schneidscheibe des Ufer-Auto-Kontinuums getrennt. Hinter der Räuber-, Mörder- und Miss-Weinberg-Kulisse rennt noch eine Schneidscheibe: die Hauptstraße der Stadt; und dahinter Häuser, und dahinter Straßen und so weiter bis zum Ende der Welt, wo die Terrassen die nächste Miss-Wahl und den Trost-Missen-tröstenden Wein aushecken.