Taufstelle

Ich ertappte mich beim Zögern, welchen Heldennamen ich verwenden soll. Daß

  • ich viel von J.s Reise mitgemacht habe, leugne ich nicht; daß ich wichtige Eigenschaften, zB die Katzenfreundschaft, mit ihm teile, erleichtert mir die Einfühlung; daß ich oft in seinen seltsamsten Momenten zu Ich übergehe, soll ihn vor meiner Überheblichkeit schützen; daß ich mit ihm identisch bin, endlich, wäre Irrtum, Schmeichelei und Verleumdung (bedenkt: er ist schlank! und er liebt nicht die Algebra!);
  • er kommt dem »erlebenden Subjekt«, das von allen anderen Subjekten unterschieden ist (denn ihm wird sein Sterben trotz Fortleben vieler Subjekte immer ein Weltuntergang scheinen), wesentlich näher als
  • J., das dem Leser nichts grundsätzlich anderes als K., L., M. bedeutet; wo ich den Helden in die Mitmenschenschar eintunken will, bleibe ich bei J.; vieles betrifft auch J. wie alle anderen, dort kann man sagen:
  • man.
  • Nun schulde ich dem Leser nichts mehr, als »Gute Anpassung!« zu wünschen. Damit ausgerüstet: rasch dem Kaufmann nachgerannt; er steht schon vor der Brücke.

Tätowieren

Ich hatte Gelegenheit, bei Bellini die Lanzettchen in Aktion zu sehen. Eine mutige, etwas extravagante Assistentin hatte sich den Interessenten — ein paar Kosmetikern beiderlei Geschlechtes, zwei, drei Chemiekaufleuten und einem Gerichtsarzt — zur Verfügung gestellt. Sie lag auf einer Pritsche, Rücken nach oben, in rotem Bikini, war ganz hübsch braun und wurde von einem Spezialisten lokalanästhesiert und entblutet. Dann traten die Messerchen in Funktion: zehn Grundfarben, aus denen Japaner angeblich bis zu sechshundert unterscheidbare Töne tätowieren können, und sechs Schnittformen: am interessantesten die drehbaren, mit denen man unter der Haut eine Art farbiges Knöpfchen aufwuchern lassen konnte, und die drittelrunden, aus deren Verletzungen man sowohl die sehr beliebten Blumengirlanden als auch Bilder kunstvoller Frisuren aufbaut. Die Messerchen steckte man in ein handliches Werkzeug mit Pistolengriff und mannigfachen Einstellmarken. Das GroBartige an ihnen war, daß sie nicht mit Farbe gespeist werden mußten, sondern selbst Farbe waren, nämlich buntes Metall, das bei zerstörender Berührung mit der Haut winzige Mengen eines unvergänglich und prächtig färbenden Reagens abgab.

Teenager-Briefe

»Hier ist es fad«, schreibt ein Teenager. »Pferde scheuchen die Mücken weg. Mücken scheuchen die Pferde weg. Das ist alles. Ein Hund bekotete ein Raubtier. Eine Wespe machte sich in Wein naß und trocknete sich an einem Filterkarton. Straßenarbeiter fluchten. Von einem Tisch troff Blut. Eine Biene schneuzte sich in ihre Nase und wurde traurig.«