Mineralwasser

Lösung eines Steins in Wasser, Vollzug einer Unlöslichkeit. Kälte aus der Rohrpiepe eines Bubenkurorts. Nach Halbstundenmarsch vom Gemsenhaus herunter, vor der Spitalabwaage. Dieses Wasser krächzt. Reibt Salz und zischt Gasblasen. Vollzug einer Unatembarkeit. Kristallin. Es enthält Kat- und Anionen. Kati und Anni, lernt man in der Schule, die eine ist posi-, die andere negativ. Jedes Mineralwasser ist anders als Sodawasser, aber jedes ist anders anders. Die meisten sind enttäuschend unblau. Verlangt man sie zur Mahlzeit, ist man fein, das Essen wird zur Tafel. Mineralsole, die man Tafelwasser nennt, enthält kleine Salztäfelchen. Es ist aber so eisgekühlt, daß es zerspringt, und löscht selbst in der Kehle deines Hundes deinen Durst.

Mindel

Romantische Buben glauben, »Mindelkraut« kommt von »Mindel«, jenem unvergeßlichen Mädchen Mindi (Vindemiatrix, Winzerin Epsilon im Sternbild der Jungfrau, die jeden Buben größerer Städte einmal im Leben besucht). Es wäre an sich denkbar, denn Mindelkraut ist in seinem Minz-, Pastell- oder Pistaziengrün wirklich »lieblich«, vor allem jung und interstellar. Mindelkraut hat selbst Sterne: Sternblüten und auf den Blättern nochmals Sternmuster in Weiß. Es schmeckt bitter und aromatisch, Wermut ist dagegen Lakritze und Minze ausgekautes Gras. In Mindenheim, wo die Mindenmädchen angereichert vorkommen, sind unabsehbare Rasenflächen voll Mindelkraut; dazwischen blubbern jene so begehrten Mindelbäche, mit Krümmungen, Stegen, wo die Mindenfrauen ihre Wäsche waschen, und voll Mindelwassers, eines kationenreichen, aber anionenlosen Sprudels (den Chemikern ein Rätsel, den Wanderern eine salubre Erfrischung). »Möge dir [etwas] Mindel und Kamille sein« ist ein alter Segensspruch. Die minder Gebildeten glauben, er rühre von der Mindeleiszeit (der einzigen Mindel-Ableitung, die sie in gewöhnlichen Lexizis vorfinden), und halten den Segen daher für einen verkappten Erfrierungsfluch.

Mittagserwartung

Ich war ganz froh, daß der Ingenieur und seine Frau sich mit den Worten, es wäre sehr nett gewesen, mich kennenzulernen, sie müßten sich jetzt aber wieder ihrem Chef und dessen Frau, mit denen sie auch später im Restaurant essen würden, widmen, verabschiedet hatten; ihre Frage, ob ich Dr. Lemmerer nicht kennenlernen wollte, war mehr der Höflichkeit zuzuschreiben gewesen, denn sie hatten gemeinsam noch viele Rechnereien vor; ich hatte gedankt, unter dem Vorwand, daß ich einer erwarteten transatlantischen Nachricht, die meine Geschäftsbeziehung mit Dr. Lemmerers Chef berühre, nicht vorgreifen wollte.