Senf

Das ist jetzt erst richtig Stadt. Die Geschichtslehrbuchhäuser noch von Kublai Khan oder Kriemhild gekalkpinselt, voll Rinnspuren des siedenden Goldes, das Atezuaheketl (der eigentliche Beherrscher der Wachau) auf Raubritter Rinnomar, der aus dem Kamptal zu Brandbesuch geritten kam auf drei aneinandergebundenen bemesserten Eseln mit Fackelschwänzen, aus allen Fenstern träufeln ließ, und voll Tränenspuren der zwölf Nächte lang in Pfauensuppe gesottenen Jungfrauen (Emil Botokude, Greuelgeschichte der Wachau, Nürnberg 1892), die Augustus Livianus das ius primae noctis verwehrt hatten und dafür nun den waffenbraven Söldnern aus dem Kongo vorgesetzt werden sollten (aber ein Steinregen aus dem damals noch tätigen Senfer Kogel verhinderte es), die Backstube, in die zur Herstellung der berühmten Kindelwecken nicht so standhaft gebliebene Wachauerinnen ihre Schandgeburten trugen (die Bäckersfrau wurde 1332 vor die Hunde geworfen), die Wagenschmiede, in der die Fürstin von Senf ihrer Nebenbuhlerin eine Eisenkrone in den Kopf schlagen ließ, der Brunnen, in dem die Fürstin dann endete, vom Fürsten mit ertrinkenden Wieseln zugeschüttet, all die vor Schreck und Kummer blassen Fassaden — oder sind es zum Städtchenfest hellgepuderte Winzerinnen — rosa, lindgrün, puppenblau — rollen an der offenen Strecke meiner Optik ab, von uns DonauDingen nur durch die rascherlaufende Schneidscheibe des Ufer-Auto-Kontinuums getrennt. Hinter der Räuber-, Mörder- und Miss-Weinberg-Kulisse rennt noch eine Schneidscheibe: die Hauptstraße der Stadt; und dahinter Häuser, und dahinter Straßen und so weiter bis zum Ende der Welt, wo die Terrassen die nächste Miss-Wahl und den Trost-Missen-tröstenden Wein aushecken.

Haustürme, Kampftürme, Schuldtürme, Mordtürme, Türme dreitausend Fuß ins Wasser, Türme voll rätselhaften grünen Feuers, Türme der rachsüchtigen blindgestochenen Katzen, Türme der vergeblichen Jungpriesterschreie. Und dahinter die Türme der Garnison: der Bastonaden- und der Füsilier-Turm, der turmförmige Pranger, von dem herab ehrlose Leutnante an nur einem Finger befestigt ins Land hingen, und die turmförmige Trommel, die be i Untreue des Offiziersburschen geschlagen wurde. Und dahinter die Türme des Frauenzuchthauses: der Turm der Splitternackten, der Turm der schwarzen Rüden, der Monatsturm und der von allen Ansichtskarten wegretuschierte Turm »Zur Wächterfreude«.

Kein Wunder, wenn vor so vielen Türmen der Chemiekaufmann J. schließlich türmt und nahe einer neuerlichen Brücke die steinrohe Stadt um 13.55 ausklingen läßt. Er bleibt aber der Autostraße treu, die jetzt fort und fort an den Terrassenhügeln weiterführen wird. (Autostraße an den Terrassenhügeln.)

»Sehnsucht«

Der Terminus ist sträflich, das Vertexten seines semantischen Inhalts out.

Serviererin 1

Alphard Mutz kam nach Eginbrunn zur Zeit des Volksfestes. Er wurde deshalb in das Zimmer eines Hoteldienstmädchens eingewiesen. Er aß im Restaurantgarten bis spät in die Nacht, ließ teegelbe Lampione für seine Freude sorgen, irgendwann aber war es doch an der Zeit, zu Bett zu gehen. Er knarrte das Treppchen aufwärts, es gab kein Zimmerlicht, nur ein Eisenbett mit Mädchengeruch und einen abgesperrten Kasten mit Mädchensachen. So lehnte er noch länger am Fenster und sah in den Restaurantgarten hinunter. Dort gab es noch, wie vor Jahren, die weiche große Serviererin, sie war aber müde und klebte an einer Laternstange. Sprach ordinären Tonfalls mit einern oberflächlich feingemachten Gast, Kaufmann, der im Volksfest rummelte und Auftragbücher vollaufen ließ. Sie hatte noch den Messinghelm aus steifgelacktem Blondhaar anfrisiert, glänzte wie damals von hellockriger Buttercreme-Schminke und hatte noch das kalkuliert Liebesbereite in ihrem Geschau. Alphard Mutz war vor Jahren in seinen Bemühungen nicht weit gekommen, nicht weiter, als daß die Serviererin nach dem Inkasso auf eine Wetterbemerkung notdürftig antwortete, dann aber durch lärmvolles Neudecken des Tisches zum Aufbruch riet. Wodurch mochte der Volksfestfritze dort unten sich in die unwahrscheinliche Lage gezaubert haben, schon Rasierwasserwange an Ockercremewange mit der Müden zu flirten, von ihr des natürlichen Jargons gewürdigt Zu werden und vielleicht sogar der Nacht in einer ähnlich sozialromantischen Magdkammer? Alphard Mutz kam auf psychologische Vorzüge und verbindende Geschäfte wurde aber rasch müde und legte sich in die Abwesenheit der Magd. In der Gegenübermansarde trieben die beiden zusammengelegten Mädchen noch Ulk.