Haus mit dem hochfrühlinghaften Zimmer

Encore Edibelbek ist traurig, als er, eines der paar Male in seinem Leben, sieht, wie ineinemhochfrühlinghaftenZimmer eine Frau und ihr Mann einander freundlich anschauen. Sie tun sonst nichts, aber Encore ist von diesem Ort Glück definitiv ausgeschlossen. (Vgl. Häuschen 12.)

Encore fällt ein, wie Alphard Mutz eines Spätabends in der Provinzverbannung, als die Schichtarbeiterinnen heimkamen, die Vorgänge einer solchen Heimkehr hinter unverhangene Fenster erforschte, wie die kleine Müde, von der er wußte, daß sie nicht viel gleichsah und Edith hieß, sich erst ein paar Minuten in ihre Küchenecke setzte; hier hatte Alphard sie fern, aber sicher, wie einen Spiralnebel im Teleskop, und er bemühte sich, ihr mit den scharfen Rändern des Blickfelds nicht weh zu tun und sie in seinem Wissen einzumulden wie in Watte. Ein Spätabendgeräusch lenkte ihn ab, und er erschrak: Wenn man zwei Millimeter im Blickfeld abwich, war keine Edith mehr da, und wenn man weiter- und weiterging, den ganzen Weltraum entlang, nie würde sie wieder dasein; er fühlte es damals dramatisch: ein All, das nach Edith schrie; in einem einzigen möglichen Punkt war das All schmerzfrei: dort, wo Edith saß. Die kleine Arbeiterin aber fühlte in diesem Moment nicht, daß sie ein geometrischer Ort aller Punkte war, und Alphard bedachte nicht die Möglichkeit eines in der Zeit gekrümmten und daher Edith wiederbringenden Raums.

Häuschen 13

Im straßenoffenen Winkel eines verwinkelt gebauten Häuschens (Motive für die Freude an Verwinkelungen), in dessen markisenbeflatterten Vergnügungshof man übrigens auch hineinsah, wusch die kunstvoll aus beige Puppenmasse gegossene Ingenieursfrau das Auto. Das Jahrfünft, in dem sie wusch, gab ihr gerade die richtige Vollreife. Aus sextechnischen Gründen trug sie ihren von den Tatsachen überrollten Bikini und stopfte das bißchen Überschuß gelegentlich zurück oder nicht. Im Vergnügungshof rotblaute auch die Hollywoodschaukel, auf der das Ehepaar in diesem Jahrfünft sich gern schaukeln fühlte. Der Mann, genaues Messen und Wägen gewohnt, maß und wog mit Skalenhänden gelegentlich die bikiniverpackten Schaukelfleischchen seiner Liebstgewesenen und befand kein mene tekel upharsin. Und die Frau, in dem Städtchen nicht reizüberflutet, blieb dem Mess- und Wägenden lange gewogen. Dem Ingenieur tat es oft leid, daß er kein Maß für Frauenschönheit wußte, die vielen Kennzahlen für Nasenlänge, Augenabstand, Brustschwere, Schenkeldurchmesser etcetc ergaben auch im Computer seiner Firma kein brauchbares Monom. Die Ingenieursfrau hatte ein großflächiges gut liebkosbares Gesicht. Dessen Fehler, aber nur nach der herkömmlichen Pisthetik, bestanden in Knopfnase, dickem Augenbett, unbestimmtem nun langsam sich verdoppelndem Kinn. Die Augen selbst waren sehr hell. Dem Gesicht angehörten: eine stete Belustigung, ein häufiges Gähnen, ein in jeder Lage kunstvoll anfrisiertes Semmelblond, Freundlichkeit daheim und zu Gästen, rote Schminke auf den Wangen und ein Pflästerchen beim Mund, beides sogar dem Schwimmen oder Autowaschen standhaltend. Der weiche geübte Ehefrauenmund wäre schön als dicker Tropfen in Plastikspielzeugrot gewesen, aber sie verkannte ihn und kalkte ihn zu.

Haus mit dem Standard-Mariandl

In Westnordwest näherte sich ein weißer Punkt, er wurde allmählich ein Haus mit vorgelagertem Garten. Spielzeugkleines, so anschwimmend, avanciert zu autarker Welt, über deren Zäune mitunter gar nicht hinausgesehen wird. Ein Balkon formte sich heraus, Schwerkraft gewinnend allmählich wie ein nahender Planet: auf seinem fremden Betonbelag stehen, in den Garten schauen, durch die kleine Balkontür ins Zimmer zurückgehen, auf dem fremden Sessel knarren, mit Standardmariandl wieder auf den Balkon treten, fremde Stimme zu einem scheckigen Plan für den restlichen Tag mitverarbeiten. Lehmpumpenwasser aus einem blauen Glaskrug trinken. Mit Standardmariandl essen, beisammenlachen, Wand an Wand mit ihr im saubern Nachbarzimmer schlafen. Nun war der Garten genug nahegeschwommen, und da rechte (Rechen) wirklich ein Standard-mariandl vorsommerlichen Vegetationsabfall zu einem mageren Haufen.