Deformation

Während der Sadomasochismus lt. Freud vom Todestrieb, lt. Adler von der polarisierten Ich-Umwelt-Beziehung herrührt, gibt es einen Eingriffstrieb gegenüber eigenem wie fremdem Körper, der freundlicber Beziehung zu danken ist. Diesem Eingriffstrieb folgten die Inder, als sie kunstvolle Muster in die Frauenhaut bissen, die Urmenschen, als sie sich erstmals Zierwunden beibrachten, ihm folgen die Mädchen, die sich von schönem Blond auf schönes Rot umfärben und wieder zurück, und ihm folgen die College-Boys, die ihre College-Girls mit Schlamm zuschmieren. Den Variationslüsternen zuliebe baut sich der Bodybuilder Pakete ein, bis er keinem Menschen mehr gleichschaut, und für jenes unselige Starlet begann der Kundendienst damit, sich zu einem anderen Lebewesen namens Monroe emporzuoperieren.

Das Behandeln des Körpers macht ihn erst sichtbar und fühlbar. Unter vermeintlichen Sadisten wird es manche geben, die das Schöne von feiner Frauenhaut erst apperzipieren, wenn sie eingeschnitten ist und frisches Blut über sie läuft. Dem Araber (Mastmädchen) wird es lang nicht so viel Spaß machen, wenn er auf den Heiratsmarkt geht und sich ein Tonnenweib heimbringt, als wenn er ein zierliches Mädchen erwirbt und ihr nun zweistündlich dicke Breie in den Mund kleckst, so daß sie in kurzen Wochen zur Monsterbraut aufquillt. Und auch diesem Mädchen wird jedes Schlingen und jedes Selbstbefühlen lustvoll sein, und wenn der schenkelweite Armreif ihr endlich paßt, wird sie ihren Körper — das selbstgebastelte Paarbett — geradezu narzißtisch lieben.

Deck 2

Hinterdeck. Noch überwiegt die Wasserfrische, aber schon stichts auch von oben und beglückt unsere Bikinimädchen mit der Gewißheit, heute schrecklich braun zu werden; gar nicht mehr als Mensch erkennbar, nein, schon wie ein Umkehrphoto; Braun-schwarz schwärzester Zigarren; anfängliches Schweinchenrosig nur dort, wo für den Boyfriend der Bikini fällt, aber weißgesilbertes Haar und zinkoxydweißer Mund (hartnäckig gegen alle Modewandel seit 1960 verteidigt, denn Weiß ist immer noch das Aufregendste zu schwarzem Teint; die ersten kleinen Kopenhagnerinnen, die die weißen Lippen erfanden, drückten sich einfach Zahnpaste auf den Mund).

Dicke Leute

Ein zeitungbeliefernder Diagonalleser meiner Erzählungen stellte irrtümlich fest, bei mir fänden sich nur zweierlei Frauen: ätherisch-schwesterliche Mädchen und gefräßig-dumme Fettweiber. Dieser Kritiker wird jetzt platzen: von dem Fett, das ich diesmal in mein Buch investiere. Barbara ist dick, die Serviererin dick, eine Menge Fahrgäste dick, und sogar der absichtlichen Frauenmast ist ein Artikel gewidmet. Liegt es am sozialistischen Realismus, der mich zwingt, unser Prosperitätsfett uneingemiedert nachzubilden? Liegt es an der eigenen Figur, für deren Überhandnehmen der Autor ängstlich Parallelen rundherum sucht? Liegt es an einer unbewältigten Nichtzubewältigenden? Hat der Autor für sich die Niederländer entdeckt? Will er aszetisch die Welt geißeln, Striemen ziehen über das Bauchfleisch — den Sitz der Völl- und Hurerey Babels?