Deck 2

Hinterdeck. Noch überwiegt die Wasserfrische, aber schon stichts auch von oben und beglückt unsere Bikinimädchen mit der Gewißheit, heute schrecklich braun zu werden; gar nicht mehr als Mensch erkennbar, nein, schon wie ein Umkehrphoto; Braun-schwarz schwärzester Zigarren; anfängliches Schweinchenrosig nur dort, wo für den Boyfriend der Bikini fällt, aber weißgesilbertes Haar und zinkoxydweißer Mund (hartnäckig gegen alle Modewandel seit 1960 verteidigt, denn Weiß ist immer noch das Aufregendste zu schwarzem Teint; die ersten kleinen Kopenhagnerinnen, die die weißen Lippen erfanden, drückten sich einfach Zahnpaste auf den Mund).

Dankbar schmiegen sich die bewußtgenießenden in die Liegestühle, ölnaß auf die erfolgbringende Marter wartend, die acht Stunden hautverändernder Schmore. Eine trinkt Juice aus einem künstlichen Zitronenball, »solangs kalt ist«, kommentiert sie. Sie hat grobe Füße entblößt, könnte Mittelstürmer sein, nur wäre dessen Nagel nicht verschrumpelt und schriee nicht dieses junge Zyklam, das wie ein Zuckerl in den Mund gesteckt werden will. Eine Ähnliche malt sich mit solchem Zyklam langsam die Ziffern 007 im Halbkreis um den bloßen Nabel; sie behauptet zu einem schwitzenden neugierigen Senior, daß diese Ziffern dann auf der dunklen Haut weißbleiben; Sie werden lachen, ich habe mir jeden Bondfilm angesehen, sagt der Senior; dann ruft seine Frau, sie wäre schon weit voraus.

Mir aber, denkt J., ist es schon jetzt hier zu heiß. Er hat ein feines Seidenhemd an, fürs Exporteur-Treffen, mit schweren gedrehten goldenen Manschettenknöpfen. Im Schwimmbad läßt es sich nicht vermeiden, das Hemd abzulegen, auf einem Verkehrsmittel aber scheut er sich davor; seine Brust ist zwar braun, doch fast haarlos; und seit er gelesen hat, daß achtzig Prozent der Frauen starkbehaarte Männer vorziehen und weitere acht Prozent noch mittelmäßig behaarte, ja, daß in den USA Perückenmacher neuerdings Zweitfrisuren für die männliche Brust herstellen, die reißend Absatz finden, leidet er — fast wie ein schlechtdimensioniertes Mädchen — an einem Brustminderwertigkeitskomplex.

J.s Optik wildschweint zum einstweiligen Abschied unterschiedlos über das wenig unterschiedene Fleisch der Einzelnen, unterscheidet viel eher mitten durch das Gemädchen Hügel von Mulden, Sonnenöl von Schweißtröpfchen auf den sorgfältig blankgeätzten Pölsterchen unterm Arm. Er bettet diesen Kannibalenmarkt dann in das reizvolle weiße Tun am Ufer ein (Stationsgebäude, wasserseitig) .

Er spielt sentimental: Der muntere Sex verkleinert sich im Weitwinkelobjektiv, danebentreten Exporteurkäfig, Sinnforschungszentrum und Altkaufmannsverwertung, die ernsteren Sehenswürdigkeiten seiner Inside-Stadt.

Die Abfahrtzeit ist nahe, darum sucht sich J. sein Wo, einen schattigen Tischplatz am offenen Fenster, stark wasserhaltig (man überfliege zur Einnässung Wasser oder Einmarsch ins Schiff), im gedeckten Mittelteil zwischen Hinter- und Vorderdeck.