Deck 1

Vorderdeck. Die kühle Brise. In dieser Morgenstunde alles im Schatten. Dankbar die bewußtlebenden Menschen, dafür, daß es an Sonnentagen Schatten gibt; im System der perfekten Bratpfanne, die aus diesem Schiff heut noch werden würde, nichtfunktionierende Stellen, Zufluchten; wenn die Sonne mit jedem Strahl die Haut schon abschürfen würde, immer noch kühle, brisige, wasserstaubsprühende Stellen.

Dankbar aber nahmen auch die Kamele im Palmschatten Platz: Ausflügler mit Rucksack, Trampeltiere sogar mit zwei; schlugen sich sogleich um beste Plätze und Klappstühle. Klappstühle verloren gern die Feder und sackten mit den schweren Lasten zusammen: den muffigen Popos der Pensionistinnen in drei Dirndln übereinander, den mürrischen Hinterteilen der Männer, die im Moment des Eintritts in den Ruhestand noch rasch in den höheren Dienstrang aufgerückt waren. Solche trugen Salonlederhosen, Stutzen, Bergschuhe, als müßten sie um die Brathühner, die am Ende warteten, erst in einsame Granitwände steigen. Unentwegte Mästerinnen mit sehr mütterlichen Gesichtern, mehreren Kinnen übereinander, wickelten gleich Lebensmittel aus, Rohstoffe und Fertigwaren, und begannen sie, unter Rede und Gegenrede, den Männern in die Rachen zu schieben. Sie sagten zu ihnen Papschi, und die sagten zu ihnen Mamschi, jede Mamschi also war ihre eigene Großmutter, und das schon 30 Ehejahre lang. J. war versucht, dem landeskundlichen Befund rechtzugeben: diese Stadt ist keine Stadt der Liebe; auf die kurzen Späße von Wollen und Bekommen folgt unheimlich früh die lebenslange Sulz; Moorochsen, Kuh neben sich, der Sumpf spritzt ihnen bis an die Keulen, sie schlenkern ein wenig mit den Schweifen, Idyll, die benachbarten Keulen, im Abendsonnenschein von hinten gesehen, sie berühren einander nur aus Unaufmerksamkeit; dann und wann ein dumpfes Muuuh; und die Ausnahmen leben vom Wehtun; eine Stadt, wie geschaffen zum Alleinbleiben. Die Mädchen der Walachei hingegen, hieß es neulich im Radio, sind durchwegs Liebesgöttinnen. Wie sieht es auf dortigen Vorderdecks aus? Ich muß einmal irgendein Sulfat und mich dorthin exportieren; bevor ich zu alt bin.

Diese Gedanken liegen auf der Folie des reizvollen weißen Tuns am Ufer (Stationsgebäude, wasserseitig). Die Gedanken verändern das Stationsgebäude im Sinn einer Überbelichtung; das Objekt wird ein helles, grelles Farbdiapositiv ewigen Sommers werden.

Weil die Abfahrtzeit nah war, suchte sich J. sein Wo, einen schattigen Tischplatz am offenen Fenster, stark wasserhaltig (man überfliege zur Einnässung Wasser oder Einmarsch ins Schiff), im gedeckten Mittelteil zwischen Vorder- und Hinterdeck.