Mittagserwartung

Ich war ganz froh, daß der Ingenieur und seine Frau sich mit den Worten, es wäre sehr nett gewesen, mich kennenzulernen, sie müßten sich jetzt aber wieder ihrem Chef und dessen Frau, mit denen sie auch später im Restaurant essen würden, widmen, verabschiedet hatten; ihre Frage, ob ich Dr. Lemmerer nicht kennenlernen wollte, war mehr der Höflichkeit zuzuschreiben gewesen, denn sie hatten gemeinsam noch viele Rechnereien vor; ich hatte gedankt, unter dem Vorwand, daß ich einer erwarteten transatlantischen Nachricht, die meine Geschäftsbeziehung mit Dr. Lemmerers Chef berühre, nicht vorgreifen wollte.

So konnte ich mich ungestört auf das Essen freuen, zu dem mein Magen schon aufspielte. Weniger disziplinierte Bordbewohner schoben schon Stullen, Gurken, Würstchen in den Mund, führten Fettfleckgespräche. An beiden Decks schmorte man jetzt nahezu gleichmäßig, die Füße tanzten auf Feuer, ich entsann mich des Williams-Stückes »Katze auf heißem Blechdach«, nur im Nordschatten und an der Selbstmörderreeling mit dem Gespritze gab es etwas Kühlung. Das verdampfte Motorenöl, das über Bord herumzitterte, mischte seinen dünnen, nicht schlechten Geruch mit dem Geruch des Erdnußöls, in dem für die Restaurantschattigen anscheinend schon Wiener Schnitzel ausgebacken wurden. Auf diese Gerüche reagierte mein Magen mit verstärktem Kullern. Ich freute mich also auf schattiges Sitzen, auf Essen und Trinken (mehrere nachlesen). Den Colamat ließ ich aus einer Art sportlicher Standhaftigkeit unbenutzt. Ich stand meist im nördlichen Spritzbecken und betrachtete Auen, Hügel, Wasserereignisse, Auflockerungen und ein Städtchen.

Vor zwölf Uhr besuchte ich den Waschraum und ging von ungefähr ins Restaurant.

Mineralwasser

Lösung eines Steins in Wasser, Vollzug einer Unlöslichkeit. Kälte aus der Rohrpiepe eines Bubenkurorts. Nach Halbstundenmarsch vom Gemsenhaus herunter, vor der Spitalabwaage. Dieses Wasser krächzt. Reibt Salz und zischt Gasblasen. Vollzug einer Unatembarkeit. Kristallin. Es enthält Kat- und Anionen. Kati und Anni, lernt man in der Schule, die eine ist posi-, die andere negativ. Jedes Mineralwasser ist anders als Sodawasser, aber jedes ist anders anders. Die meisten sind enttäuschend unblau. Verlangt man sie zur Mahlzeit, ist man fein, das Essen wird zur Tafel. Mineralsole, die man Tafelwasser nennt, enthält kleine Salztäfelchen. Es ist aber so eisgekühlt, daß es zerspringt, und löscht selbst in der Kehle deines Hundes deinen Durst.

Mittelteil

Und kaum sitzt er — die versilberten Maschinen summen schon, die blanken Kölbchen nähen auf und ab —, trampelt die Herde der zu kleinen Schulmädchen ein. J. findet mit Mühe die Lehrerin aus Tarnfarbe heraus. Die zu kleinen Schulmädchen riechen manche nach Milch (wie Robert Hamerling es spitzkriegte), andere haben schon ein kleines Parfum. Manche haben Gesundheitsschlapfen, viele haben rote Schuhe mit blauen Söckchen zu grünen Pyjamahosen und gelber Kleinmädchenbluse oder grüne Schuhe mit gelben Söckchen zu lila Minimini und orange Schleierbluse. Dazu orange Christbaumkugeln an den Ohrläppchen und eine himmelblaue Masche im noch nicht mitternachtsblau gefärbten Haar. Sie beißen noch in die Butterbrote des harmlosen Spottes — über geschmacklose Farben, dickbäuchige Männer, eine Kameradin, die »Halt den Hund« statt »Halt den Mund« gesagt hat. Eine ist schon ein bißchen frühreif, schwänzelt beim Gehen, schaut unerlöst und spendet J. das Abrollen ihrer rechten Kugelbrust an seinem rechten Oberarm. Die Lehrerin aus Tarnfarbe klatscht den Schwanz der Schlange herbei, eine Intelligente mit verschlossenem Gesicht bellt und geht finster weiter; eine läßt schon hier ihren weiß-schwarzen »Fernseh«-Ball hüpfen, zwischen Handfläche und Boden unermüdlich, und damit sind alle vorbei und an Deck (man schlage jenes nach, das man noch nicht kennt).