Häuschen 12

Hat Mytilla Mitil dieses Haus einmal besucht? Oder eines mit ähnlichen Details von Bauweise und Lage? Es ist spürbar mytillenumträumt.

Mytilla denkt genug kritisch, um zu wissen, daß ein Teil ihrer Erwartung von der Welt nach Eintritt der Liebe Besuchen bei fremden Paaren zuzuschreiben ist, nicht deren Möbel werden zum Vorbild, sondern ein gewisses Summen der Atmosphäre, eine Lichtverteilung, eine Choreographie von Gehen und Kommen —

Der Umstand, daß es eine fremde Wohnung, eine Wohnung von vermeintlich Glücklichen ist, wird maßgeblich dafür, daß Mytilla beim Denken an die eigene glücklicherhoffte Zukunft Fragmente einer solchen Wohnung um sich spürt und weiß: erst so zu wohnen, wird Mytillen-Wirklichkeit sein.

Häuschen 11

Es ist in einem Garten versteckt, hinter einem Vordergrund von Garten. In den Vordergrund von Garten ist ein Irrgarten gebaut. Den Weg in ihn versperrt eine Mülltonne. Die sichtbar gewesene Rosenhecke im Irrgarten ist mit Schlingpflanzen zugewachsen. Aber ein Riesenrad im Irrgarten, 170 cm hoch, dreht sich frei. An einer anderen Stelle des Irrgartens stürzt ein ebenso großes Flugzeug ab. Irgendwie ist dennoch eine Fremde im Irrgarten. Eine Hausangehörige bringt ihr die Rotpause eines Krematoriumsplans. Die Fremde sagt scheppernd: »Damit fang i nix an.«

Häuschen 13

Im straßenoffenen Winkel eines verwinkelt gebauten Häuschens (Motive für die Freude an Verwinkelungen), in dessen markisenbeflatterten Vergnügungshof man übrigens auch hineinsah, wusch die kunstvoll aus beige Puppenmasse gegossene Ingenieursfrau das Auto. Das Jahrfünft, in dem sie wusch, gab ihr gerade die richtige Vollreife. Aus sextechnischen Gründen trug sie ihren von den Tatsachen überrollten Bikini und stopfte das bißchen Überschuß gelegentlich zurück oder nicht. Im Vergnügungshof rotblaute auch die Hollywoodschaukel, auf der das Ehepaar in diesem Jahrfünft sich gern schaukeln fühlte. Der Mann, genaues Messen und Wägen gewohnt, maß und wog mit Skalenhänden gelegentlich die bikiniverpackten Schaukelfleischchen seiner Liebstgewesenen und befand kein mene tekel upharsin. Und die Frau, in dem Städtchen nicht reizüberflutet, blieb dem Mess- und Wägenden lange gewogen. Dem Ingenieur tat es oft leid, daß er kein Maß für Frauenschönheit wußte, die vielen Kennzahlen für Nasenlänge, Augenabstand, Brustschwere, Schenkeldurchmesser etcetc ergaben auch im Computer seiner Firma kein brauchbares Monom. Die Ingenieursfrau hatte ein großflächiges gut liebkosbares Gesicht. Dessen Fehler, aber nur nach der herkömmlichen Pisthetik, bestanden in Knopfnase, dickem Augenbett, unbestimmtem nun langsam sich verdoppelndem Kinn. Die Augen selbst waren sehr hell. Dem Gesicht angehörten: eine stete Belustigung, ein häufiges Gähnen, ein in jeder Lage kunstvoll anfrisiertes Semmelblond, Freundlichkeit daheim und zu Gästen, rote Schminke auf den Wangen und ein Pflästerchen beim Mund, beides sogar dem Schwimmen oder Autowaschen standhaltend. Der weiche geübte Ehefrauenmund wäre schön als dicker Tropfen in Plastikspielzeugrot gewesen, aber sie verkannte ihn und kalkte ihn zu.