Gesäß 1

Ein zeitgenössischer Lyriker schrieb:

Dreh sie rum, dreh sie rum,
hinten ist sie keusch und frumm.

Derselbe Lyriker brach neulich eine Lanze für das Gesäß als Erkennungsmerkmal, als gesichtsvertretende, ja, gesichtsablösende Filialstelle des einmaligen unverwechselbaren Ich. Seine Frau, eine ebenfalls zeitgenössische Lyrikerin, fragte darauf, wo der Hintere denn Augen hätte; sie selbst sähe Menschen immer noch am liebsten in die Augen, die ja doch — da hätten die Alten recht — eine Art Seelenspiegel wären. Der Streit wurde nicht entschieden, und so gibt es heute nach wie vor Kameraleute, die sich mit Gesichtern abgeben, Analphabeten, die eine Frau am Gesäß nicht wiedererkennen, und Dichter, die vor der größeren Muskelvielfalt des Kopfes und vor dem höheren Wert der von ihm eingeschlossenen Massen abergläubischen Respekt haben.

Die Keuschheit des Hinteren ist ein bestechender Gedanke. Die naive Anschauung gibt diesem Gedanken zunächst recht. Opportunismus, Käuflichkeit, Aggression sind den Zügen des Neo-Gesichtes fremd. Kein Gesäß ist geizig, keines neidig. Gegen Speichellecker verhält es sich strikt passiv. Bei Mißwahlen vergleiche man die edle Ruhe der Gesäße mit der Siegesgier der Gesichter. Kein Gesäß, das einen Ministersessel drückt, ist je ein Arschloch. An der verlogensten Maitresse ist der Hintere eitel Wahrheit, und wenn er liebt, liebt er.

Allerdings: die Gerichtsmedizin lehrt uns, daß auch im NeoGesicht Laster allmählich Spuren hinterlassen. Und wer weiß, ob Menschen, die die Afterphysiognomie besser beherrschten als wir Gesichtsidioten, nicht da und dort die flüchtige oder bleibende Aufzeichnung eines politischen Fehlers oder einer Lebenslüge entdecken würden. Wäre der Hintere demnach nur so weit »keusch und frumm«, als es das Kamasutram vor seiner Übertragung aus dem Sanskrit war?

Übungen nach Belieben sind anzuschließen.