Zeitung 9

Lesen wir, sagt der Ingenieur, was unser Spaßmacher heute wieder über die Frauen schreibt; ich sage Ihnen, es gibt nichts Köstlicheres, als sich ein Stündchen von der Gattin abzuseilen und ungestört Nadelstiche gegen das schöne Geschlecht zu studieren. Armer Tropf, denkt Chemiekaufmann J. sehr leise, wärst du mit Eiske oder Susi liiert... oder mit Ulrike... — Was wäre dann?, denkt der Ingenieur; würde ich dann wirklich dieses misogyne Klischeegekicher unter meiner Köstlichkeits-Ebene finden? Nein, Sie haben recht, denkt J., auch die Liebe der gescheitesten Frau heilt einen Muffel à la longue nicht von seinen Vorurteilen. Kommen Sie, sagt der Ingenieur, nehmen Sie Urlaub vom Denken; also was schreibt unser Spaßmacher?

Spaßmacher
Ingenieur
Wenn eine Frau lächelt, dann hat in den meisten Fällen ihr Mann nichts zu lachen.
Oahahahaha!
Wenn eine Frau betont, sie gehöre zum schwachen Geschlecht, dann ist oft das Gegenteil der Fall.
Hahaha!
Was eine Frau im Frühling träumt, muß der Mann im Herbst noch abzahlen.
Oahahahahaha, hahaha!
Frauen sind beharrlicher als Männer. Das zeigt sich im Hutgeschäft.
Ahahahaha, haha!
Frauen sind konsequenter als Männer. Wenn er noch an Flirt denkt, rechnen sie schon mit der Ehe.
Oahahahaha, hahaha, das ist wahr!
Wenn Männer sich mit dem Kopf beschäftigen, nennt man das »denken«, wenn Frauen, sich mit ihrem beschäftigen, heißt es »frisieren«.
Hhahhahhah, (Schenkelklatschen), die weibliche Intelligenz, haha!
Eine Frau bleibt so lange schön, wie sie ihren Mann nicht ganz ernst nimmt.
Hah! Frechheit! Das möcht ich sehn!
Der Führerschein gibt den Frauen das Recht, einen Wagen zu steuern, der Trauschein erlaubt ihnen, dasselbe mit einem Mann zu tun.
Oahahahaha, haha, der hat eine Schärfe! Der ist den Kanaillen auf der Spur, hahaha.
Frauen sind alle gleich - sogar darin, diese Tatsache — zu leugnen.
(Schenkelklatschen.) Aussgezeichnet! Ha! Das ist ausgezeichnet ! (Weglegen der Zeitung.)

Merkwürdig, denkt Mytilla Mitil mädchenblaubeschürzt in einem jener Städtchen, daß unsere Zeit sich einbildet, vom Baby bis zum Großpapa Sigmund Freud nötig zu haben, während sie in Wirklichkeit Alfred Adler nötig hätte. Wir haben eine AdlerZeit wie noch nie. Es wimmelt von Geltungsneurosen, Minderwertigkeitskomplexen, irrealen Leitlinien, Entwertungs-Attituden, Geschlechter-lntrigen. Eine merkwürdige Übereinkunft, denkt Mytilla, Adler totsein zu lassen und das Problem, im Gegensatz zu Kleeblättern, Inzesten und Ziegenbeischläfen, zu tabuisieren. Der Kampf der Geschlechter hat sich seit Strindbergs Zeiten vollautomatisiert und atomgerüstet, aber niemand stellt ihn fest. Sex gemacht wird angeblich wie nie zuvor — stört es niemand, ihn mit Feinden zu machen? Ich, denkt Mytilla, bin Deserteuse. Aber wird der, den ich suche, auch Deserteur aus dem idiotischen Kampf sein? Mytilla freut es, daß Rilke ein Mädchen sprechen ließ:

Solang das Liebe heißt, daß einer siegt
über den andern, geh ich. Teile Kühle
im Gehen mit. Ich werde nicht zuteil.

Mytilla geht. Ihre mädchenblaue Schürze teilt Kühle mit. Mytilla wird einstweilen nicht zuteil.