Barbara 1

Genau 100 kg schwer ist sie nur, wenn sie, im roten Schafwollkleid, mit den hellblau pantoffelten Babyfüßen auf die Badezimmerwaage steigt. Wenn sie wie heute ein Fähnchen anhat, ist sie um die Differenz leichter. Wenn sie gar, von Yoghurt und Pflaumen durchgeputzt, in einem Hochgefühl von Federgewichtigkeit der Wanne entstiegen, vor Ungeduld unabgetrocknet die Waage bestapft, liest sie, besonders wenn sie den Kopf etwas rechtsneigt, beglückt »96« oder sogar nur »95,5«. Dann läuft sie — es kann vorkommen: immer noch naß — ins Vorzimmer vor den Ankleidespiegel, tätschelt ihre weißen wulstigen Oberschenkel, dreht sich etwas herum, um ein wenig das Profil ihres Körpers mitzukriegen, zieht den schönbenabelten imposanten Bauch ein und tätschelt sich dann die im Spiegel sichtbare Gesäßbacke. Sie findet alles insgesamt nicht übel und verführt ihr beobachtendes Ich durch einen jener anmutigen vielversprechenden Blicke, als wäre es ein lebenslustiger Witwer.

Es kann weiters vorkommen, daß sie sich immer noch unabgetrocknet — nur das Gesicht zuvor ins Handtuch tupfend — die Lesezirkelmärchenaugen aus Schwarz und zweierlei Blau verpaßt, die allen gepolsterten Gesichtchen redaktionell empfohlen werden, hernach mit dem stets außenverschmierten Lippenstift (echte Goldhülse, ewig nachfüllbares Geschenk eines Zwiebelhändlers) eine rotkäppchenrote fette Kußtüte malt und so aufgerüstet nochmals ins Vorzimmer vor ihre Kritikerblicke rennt. Dann ist sie meist so zufrieden, daß sie, kehlig einen Hit trällernd, im rosa Bademantel landeinwärts stapft — in ihre Königin der Küchen® — und sich den Lieblingshappen — ein weiches Brot mit Entenschmalz — schmiert. Dazu mag sie gern Schwarzbier.

Backstube 2

Die Backstube zeichnet sich durch ihre Weite aus. Man betritt sie, das Glockenspiel erklingt, die Pudel ist wohl nahe, aber sie steht frei im Raum, und rechts und links und hinten ist freier Raum, und überhaupt ist der ganze Raum frei und weit, und nur ganz hinten perspektivisch klein ein Türlein weist auf einen anderen Raum, und steht das Türlein einmal offen, sieht man, daß jener Raum ganz frei ist und ganz weitläufig und rechts ein Türlein hat, durch das man vielleicht in ein kühles Mehllager, vielleicht aber in die Flammen des Backofens kommt.

Barbara 2

Nur Feinde sagen, sie hätte 120 kg. In Wahrheit sieht sie selbst im Miniröckchen schmackig aus, und ihre Waden zeigen, zwar fleischig und bläulichschimmernd, die gutgedrechselte Flaschenform. Barbara ist Schalterbeamtin und macht den Umgang mit dem Amt zur Lust. Sieht man ihre Vorder- und ihre Hinterseite, weiß man gar nicht, wofür man sich entscheiden würde; »Kopf und Adler« dienen hier gut. Mittwochs darf Barbara schon mittag nach Hause gehen, aber sie tut es nicht, sie setzt sich vielmehr in die nahe Luxuskonditorei. Wenn Schlagobers ihr aus dem roten runden Mund aufs rosa Kostümchen träuft, auf das enge gespannte Röckchen ganz oben, stürzen mittwochfreie Beamte mit und ohne Schläfengrau herbei und zücken ihre Servietten, um das Kostümchen zu retten. Sie gurrt einen kehligen Dank und schenkt Tuschblicke. Sie hat rotes Haar, jenen Rubinwald, den durchscheinendes Sonnenlicht zu einem Gestrüpp metallroter Fäden und auffallendes Sonnenlicht zu einem Helm aus spiegelndem rotem Glas macht. Da dieser Ton nur künstlich erzielt werden kann, ist er kein leises kosmetisches Schwindelchen, sondern eine aufgelegte Herausforderung, besonders an einer weißlichen fetten Frau. (Von der Möglichkeit, daß Reiz, der den Urwaldmenschen torklig macht, vom Zivilisationsbarbaren teilnahmslos ausgeübt und aufgenommen wird, sei zur Ehrenrettung der Europäiden hier abgesehen.) Barbara planscht gern in einer Wanne, klemmt den Badeschwamm, bürstet sich Brüste und Schenkel und singt ein amtgängiges Lied.