Genau 100 kg schwer ist sie nur, wenn sie, im roten Schafwollkleid, mit den hellblau pantoffelten Babyfüßen auf die Badezimmerwaage steigt. Wenn sie wie heute ein Fähnchen anhat, ist sie um die Differenz leichter. Wenn sie gar, von Yoghurt und Pflaumen durchgeputzt, in einem Hochgefühl von Federgewichtigkeit der Wanne entstiegen, vor Ungeduld unabgetrocknet die Waage bestapft, liest sie, besonders wenn sie den Kopf etwas rechtsneigt, beglückt »96« oder sogar nur »95,5«. Dann läuft sie — es kann vorkommen: immer noch naß — ins Vorzimmer vor den Ankleidespiegel, tätschelt ihre weißen wulstigen Oberschenkel, dreht sich etwas herum, um ein wenig das Profil ihres Körpers mitzukriegen, zieht den schönbenabelten imposanten Bauch ein und tätschelt sich dann die im Spiegel sichtbare Gesäßbacke. Sie findet alles insgesamt nicht übel und verführt ihr beobachtendes Ich durch einen jener anmutigen vielversprechenden Blicke, als wäre es ein lebenslustiger Witwer.
Es kann weiters vorkommen, daß sie sich immer noch unabgetrocknet — nur das Gesicht zuvor ins Handtuch tupfend — die Lesezirkelmärchenaugen aus Schwarz und zweierlei Blau verpaßt, die allen gepolsterten Gesichtchen redaktionell empfohlen werden, hernach mit dem stets außenverschmierten Lippenstift (echte Goldhülse, ewig nachfüllbares Geschenk eines Zwiebelhändlers) eine rotkäppchenrote fette Kußtüte malt und so aufgerüstet nochmals ins Vorzimmer vor ihre Kritikerblicke rennt. Dann ist sie meist so zufrieden, daß sie, kehlig einen Hit trällernd, im rosa Bademantel landeinwärts stapft — in ihre Königin der Küchen® — und sich den Lieblingshappen — ein weiches Brot mit Entenschmalz — schmiert. Dazu mag sie gern Schwarzbier.