Gelbe Schenken 11

Der buntgrüne blumenweingelbe trachtenwandige Garten spielt das Stück »Marzipanpuppe der brutalen Kaufleute«.

Brutalität

Das Mundartsprechen bringt das Unwirsche, Gehässige, Intolerante, Angeberische, Undenkende gut heraus. Die Marzipanpuppe ist rasch mit Ohrfeigen, hält auch das Kind öfters an, dem Dackel eine zu geben. Man prahlt mit Reisen (A: „Wir haben von oben 200 km weit gesehen!“ B: „Inge, wie weit haben wir gesehen?“), mit Spezialitätenrestaurants, Whiskies. Diät an Denkinhalten macht sie lauthals und sicher. Man glänzt mit Perfektion im Nutzwahrnehmen, vom totalen Nettopreisleben bis zum Abreißen von Obst im blumenweinbunten Garten, man lässt den Dackel ruhig eine halbmetertiefe Kuhle unterm Gasttisch graben, man schickt den Wein wegen Korkgeschmacks dreckiglächelnd zurück; in der Feuerzeugflamme verbrennt man ein halberschlagenes Langbeininsekt; die Marzipanpuppe lacht sattschön dazu.

Marzipanpuppe

Echt schön, auch schön hergerichtet. „Makelloses, raffiniert in freundlichen Tönen abschattiertes Marzipangesicht; in dessen Katzenrund katzenschmale ausdrucksvolle und hübsch unterschwärzte Augen eingekernt. Blattförmig gezeichneter schattiertgeschminkter Kußmund. Schwarzgefärbtes üppiges Haar, locker, das Gesicht einhüllend. Den goldiggebräunten weichen Körper in ganz weißem Minikleid. Aus dem Braun der Hand weißlichleuchtend die deckrosa gelackten Fingernägel. Voll ausschwingendes Parfum mit unterdrücktem Süß.“ Der einzige merkliche Fehler, die starke Behaarung der Waden, stört nicht. In der üppigen Achsel fraut viel Schwarzhaar.

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Gelbe Schenken 6, aber: Die erschlagenen Kaninchen freuen den pensionierten Polizisten, erinnern ihn an den Kriegs-Polizeidienst in Rußland. Er käut wieder, wie ein befreundeter russischer Milizpolizist einen Häftling halberschlagen als blutige Masse zwei Stockwerke tief hinuntergerollt habe (Soll er hin sein, so Dreck haben wir genug); anschließend habe der Milizpolizist den Erzähler gefragt, ob er budern wolle, im Arrest seien hübsche Mädchen; die haben sich darum gerissen, weils ihnen dafür gut ging; »alle waren sie aufs Budern; pfui Teufel, das war gut!«. Der Pensionist rühmt sich seiner mächtigen Dimension und seiner Weitherzigkeit im Verteilen der Arrestmädchen an Dienstkameraden. Er zeigt, wie busig die Russinnen waren: »Solche Lollobritschiedas!« (Seine Uhr war bei Lollo stehengeblieben.)

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In ihrem blätterbunten blumenweingelben Garten mit Trachtentochter pflegt es rasch Abend zu werden, dem Drinnen zuliebe. Drinnen wartet das Niegesehene Längstbekannte: steilgiebelige weite Stube, an alte Dachböden erinnernd mit ungestört wachsenden Spinnentieren, Duckschnüren, Truhen und Luken. Weite statt Höhe. Die Wände aber naturlasiert, ast-reich, mit Weinwurzeln behängt, der unheimlicheren Art von Geweihen. Schmiedeeisen für verwitterte Feldhüte, eingezuckerte süßriechende Stenotypistinnenmäntel. Rotweißkarierte Bauernvorhänge, achtzig Jahre und von Achtzigjährigen angeraucht, stecken nun voll alter beklemmender Gewürze wie eine Küche, in der gebeizter Lungenbraten siedet. In Sommergewittern tritt ein hagerer Lkw-Fahrer ein, mit eingesunkenem grauem Hitlergesicht, schnapsglänzenden Augen, stoppelbärtig, verschwärzt wie ein Teufel. Nur anfangs ist die Schenke eine Schenke. Später bedrückt das Niegesehene Längstbekannte wie jener lebenslang wiederkehrende Traum, in dem man mit der verstorbenen Mutter jahrzehntelang eine zwei Kilometer umfangende Ellipse abgeht, beim Licht einer düsteren Lampe, mit Bassin in der Mitte, einem Ofen, einem Wächterhaus und trockenen Bäumen seitlich mancher Bahnpunkte.