Malkasten 1

Das vertrackte Lied von der Elate Yërond (Städtchen 2) schwindet nicht aus der Straße, bleibt wie ein Produkt des drückenden Sonnenscheins und des Staubs in Menschenhöhe schweben, nur die Hausnähen wechselnd. Jetzt ist die Tabakbude dran, und man will nicht von hier grad die Pfeife und hat noch Zigaretten und hat noch im Feuerzeug Feuer, also — aber da liegt ja mitten im Raucherkram ein Malkasten! Blech, schofel, höchstens zweimal fünf Knöpfe, aber Malkasten der Kindheit. A. hört noch das Deckelhebklappern. Wenn Wasser durch die Farben durchfließt, entsteht — wie aus den süßschmeckenden Taubächen quer durch die Wiesen im Frühling — die Welt, die zweite, viel interessantere Welt. Froh strich Alphard Mutz um die Auslagenscheibe, unversehens hatte dieses Stück Nest einen Sinn bekommen, mehr, als wären drei nachtbeleuchtete Spielautomaten in den grellweißen Sonnentagsstaub hingestellt worden.

Magazine

Der 15 jährige denkt auf dem Acker des Ferienorts, daß der Besitz des ,,Soleil«-Magazins einen neuen Lebensabschnitt voll verfügbarer Brüste, Wunschgesäße und quellender Lippen einleiten würde. Er beschließt, zunächst im zeitungführenden Gemischtwarenladen des Ortes, dann, als ihn dort unter Bekannten der Mut verläßt, am Bahnhof, dann, als dort ein zu schönes Mädchen diensttut, im Ankunftbahnhof, dann, als dort zwei große Lackel stehen, in irgendeiner Trafik des Wohnviertels, dann, als dort schon gesperrt ist, irgendwo irgendwann seine erste Nummer zu kaufen, weitere Nummern aber schriftlich zu fordern und diskret sich zustellen zu lassen. Er weiß, mit welchem Akzent er »Soleil« aussprechen, wohin er dabei teilnahmslos schauen und wie er das Geld hinschnippen wird; wie weit er seine Schultasche inzwischen geöffnet halten und wie rasch er das Magazin dann in ihr versenken wird; sogar, wie er einem lehrhaften Herrn antworten wird, der eine Sekunde vor Gelingen um sein leidiges Tagblatt anrückt, oder einer schneeweißen gutfrisierten Kopfschüttlerin; er plant für die brenzligsten Lagen Ersatzkäufe ein und Ersatzläden, sieht sogar in einem Gebüsch eine vogelfreie Banknote leuchten und hat damit ein kleines Abonnement herin.

Malkasten 2

Myra Metelli und Quenta Quebec sitzen auf den frischmörtelbekleckerten Stufen des Zweifamilienhauses. Myra auf der dritt-, Quenta auf der fünftuntersten. Sie feilschen um den Besitz des gefundenen Puppenmalkasten (in Wahrheit Lidschminkkästchens, das eine Parfumeriehilfe gestohlen und an einem Versteck ihrer metzgernden Freundin zum Austausch gegen Landwurstwaren hinterlegt hat). Malt man damit Puppenkleider an?, fragt Myra. Nein, Puppen und Puppenzimmer, sagt Quenta. Aber man kann doch Puppen nicht blau anmalen und grün, wo willst du Puppen blau und grün anmalen?, fragt Myra. Red nicht so dumm, sagt Quenta, gib ihn mir, ich seh, du bist zu blöd, damit umzugehen. Nein, aber sag wirklich!, sagt Myra. Au, sagt Myra, weil Quenta ihr das Kästchen aus den Fingern gedreht hat. Nun liegt es offen auf der frischbemörtelten Stufe, hat im Blaufett eine Schramme, im Grünfett einen Aushub, im Silber einen feinen Riß, vom Überschlagen auf zwei Stufen, und nun tritt Myra es zu Plastikschrott und Baatz, aber die Farbe geht in die Oberfläche des frischen Mörtels ein und versöhnt die beiden Zehnjährigen zu einem pastellbewundernden Pastellmädchenpaar.