Susi 4

Der Schüler J. (Susi 3) sparte sich das nochmalige Erzählen von Susis Reizen nächsten Morgens auf die nächste, die übernächste Stunde, den Nachmittag auf, weil er wußte, daß es nach diesem Erzählen kein nächstes geben würde oder, wahrscheinlicher, doch, aber das dritte Erzählen würde das Thema schon ramponieren: es waren auf die Dauer zu wenig Details, nichts Neues wuchs nach.

Er hatte es schwer, von Susi eine Rahmenvorstellung zu geben. Er beherrschte nicht die Kunst, mit wenigen Strichen eine prägnante Karikatur zu zeichnen. Er fühlte aber zugleich, daß die lahmlappigen Beschreibungsversuche (weiblich; ein Mädchen; mittelgroß; in einem Kleid; in einem bunten Kleid; braunhaarig; welche Augenfarbe eigentlich?; mit einem Mund versehen; etc) nicht nur so gut wie:

khläduwäschkhäbäthl

waren, sondern auch vor das eigene inwendige Susibild eine dummbemalte Figur aus dickem Pappdeckel stellten.

Susi 3

In der ersten Nacht nach dem Aufscheinen Susis, ohne Hoffnung auf Wiederkehr des Phänomens, lag der Schüler J. noch etwas wach, die Möglichkeiten abweisend, die sich kitschig anboten: zu weinen; zu stöhnen »Gott, Gott ...«; zu denken »ich fasse es nicht«; zu schimpfen und dergleichen. Am reinlichsten kam ihm Still-Liegen vor, ohne aktives Denken, ohne diese Bauchpresse des Gehirns. Wenn er still-lag, kamen ohnehin die richtigen Gedanken über ihn. Heute ja. Heute lag er im Säurebad und mußte, um bis zu den Knochen aufgelöst zu werden, gar nicht planschen und sich einreiben. Er wünschte sich, daß das immer so bliebe, daß das erste, noch authentische Susibild, das die Gespräche und Bewegungen der echten Susi noch ein Stück automatisch fortzusetzen imstande war (so wie ein geköpftes Huhn noch etwas weiterrennt), immer bestände. Er wußte aber, daß dies nicht möglich war, und genoß das unverdienbare Privileg der heutigen, einzigen Nacht, die je einer echten Susinacht vergleichbar sein würde. Schon erwartete er die Schmarotzgesichter, die jedes Susibild überwuchern, zerstören.

Susi 5

Irgendwann kam das Verhängnis, daß der Schüler J. (Susi 3) sich sein virtuelles Susibild ins Bett mitnahm, um darüber zu onanieren. Er stattete Susi mit schematischen Körperteilen aus, denn er hatte nicht viel authentische Erinnerung verfügbar. Außerdem zerging bei so intensivem Angriff das Susibild in ein Puzzle aus mehreren Mündern, Augen, Ohren, aus Wangen, die sich zu keiner überzeugenden Farbe entschlossen und zuletzt in das Rosaweiß von rohem Schweinespeck, den er gestern gesehen hatte, flüchteten. So war auch die Freude nur halb, und nachher lag er mit einem Wrack von Susibild da, als hätte er ein unfixiertes Pastellbild belegen, dessen Schmetterlingsstaub nun auf dem eigenen Bauch, Bein, Hintern zu finden wäre und niemals mehr in die künstlerische Ordnung zurückkehren würde. Diese Zerstörung konnte, außer durch Wiederbegegnen der echten Susi, kaum ungeschehen gemacht werden.