Susi 6

Susi morgens: Susi duscht. Susi trocknet sich die schönen kleinen Brustlaibe ab. Sie ist ärgerlich, daß der Rücken naß bleibt. Sie macht sich einen dünnen Kaffee, ziegenmilcht ihn und streicht sich Malz aufs Butterbrot. Aber Susi schreibt mit der zierlich runden Mädchenschrift der Schulen jener Tage in ihr grellrotes Tagebuch Datum, Wetter, ich liebe ihn richtig (unterstrichen), heute MathSchularbeit, ich fürchte mich vor dem Leben (unterstrichen).
J. mittags: J. schiebt den leergegessenen Erbs-Teller weg. Die Mutter wäscht ab. J. schiebt lärmend den schäbigen Sessel auf den kleinen Gassenbalkon und lernt Materialien. Der Unterschied zwischen Gips und Alabaster. Der Kristallwassergehalt. Sinterungsprozeß. Die Susileute der neuen Susistadt singen Susilieder. (Der Susifrühling ist ausgebrochen.) Durch Susistraßen und Susiwände hindurch liest J. im Susitagebuch »Ich liebe ihn richtig«. Er antwortet mittels seines grellblauen Tagebuchs »Ich möchte Susi schon ganz haben.« Das ist damals für J. noch ein Monsterwunsch.
Susi abends: Susi duscht. Susi geht nackt ins Bett. Susi denkt an Edelnaschwerk und ruiniert sich mit Elendsnaschwerk ein wenig die Zähne. Sie klatscht sich auf den schönen speckweißen Oberschenkel und erreicht mit dem rosakralligen LuxusMittelfinger den Druckknopf der Messinglampe. Liest ein wenig in Sartres »Ekel«. Mißversteht ihn als lebensverneinend, denn sie ist gegenwärtig sehr lebensbejahend. Susi liegt in Lichtblau. Susi träumt sich allmählich zur Frau. Nur für Susi und J. hat seinerzeit die Genesis stattgefunden, Ursprung und Ziel der Geschiche ist kein Buch von Jaspers, sondern liegt in Susis willkommenheißendem Bett.

Susi 5

Irgendwann kam das Verhängnis, daß der Schüler J. (Susi 3) sich sein virtuelles Susibild ins Bett mitnahm, um darüber zu onanieren. Er stattete Susi mit schematischen Körperteilen aus, denn er hatte nicht viel authentische Erinnerung verfügbar. Außerdem zerging bei so intensivem Angriff das Susibild in ein Puzzle aus mehreren Mündern, Augen, Ohren, aus Wangen, die sich zu keiner überzeugenden Farbe entschlossen und zuletzt in das Rosaweiß von rohem Schweinespeck, den er gestern gesehen hatte, flüchteten. So war auch die Freude nur halb, und nachher lag er mit einem Wrack von Susibild da, als hätte er ein unfixiertes Pastellbild belegen, dessen Schmetterlingsstaub nun auf dem eigenen Bauch, Bein, Hintern zu finden wäre und niemals mehr in die künstlerische Ordnung zurückkehren würde. Diese Zerstörung konnte, außer durch Wiederbegegnen der echten Susi, kaum ungeschehen gemacht werden.

Susi- und Eiske-Epilog

Nach Ernest Bornemann (dessen andere Meinungen ich schätze) ist die ungeteilte Liebe zu einem Menschen eine merkwürdige Krankheit, die ausgerechnet Homosexuelle dem Abendland vererbt haben. Der Wunsch nach einereinem Auserwählten ist ätiologisch Fetischismus aufgrund überlebender Kindheitseindrücke, teleologisch eine Triebkraft im Dienst des Aussterbens. Günstig wäre es, Starke, Fruchtbare, Unbesondere Zur Paarung zu wählen. Stabil sind die nivellierenden Kulturen, in denen (man verzeihe das Konsumbild) Susi, Eiske und Barbara nicht Birne, Apfel und Kürbis bedeuten, sondern austauschbares, gleichschmeckendes Einkeitsobst.