»Sollen wir nicht ein wenig Luft reinlassen?«, fragt J. und manipuliert schon das Ausstellfenster. Immer, wenn seine Riesenportion Freude mitfährt, ist die Luft voll Bergamottöl und Hitzigkeit. In Kurven klatscht der Brocken oft vollgewichtig an ihn, und öfters behindert sie ihn mit umhalsendem Bloßarm. Dann und wann macht ein ungezogener Autoneuling — Kreuzungsnachbar — Bemerkungen, sogar von Zentralviehmarkt und dergleichen. Barbara lacht nur, kehlig, und wenn J. eine kultivierte Beleidigung zurückruft, stempelt sie ihm einen dicken roten Kuß auf die Exporteur-Wange. J. gefällt es, diesen Sommer im Schatten des liebeslustigen Naturdenkmals zu verliegen, auch Barbara gefällt solches Tun; sie ist ihrem Chemieschatz, wie sie ihn altväterlich nennt, derzeit sogar treu, und eine längerfristige Treue scheint sich — aus lauter Vergnügen über einen so gründlichen Würdiger ihrer Vorzüge und über einen so erfreulichen Plauderer mit ernstem Hintergrund — anzubahnen. Sie trägt gern einen aparten türkischen Oberarmreifen, den J. von seinem Smyrnaer Phosphatpartner erschachert hat; dort sind Barbaras Durchmesser nicht ungewöhnlich.
Perspektiven 5
Perspektiven 4
Weil J. Barbara nicht immer behalten wird, nützt er die vorhandene Zeit zum Experimentieren aus. Ich muß doch draufkommen, sagt er, was dicken Geliebten am besten paßt. Bei Chwala in der City lümmelt er am Pult, einer bambiäugigen, twiggieschlanken Verkäuferin gegenüber; er ist im Einkaufen von hübscher Wäsche nicht grad ein Neuling, aber einem Kostspieligen, das ihn mit den Blicken durchlöchert, Barbaras angeberische Maße zu nennen und in diesen Maßen noch Dinge aus Azurblau mit riesigen roten Mohnblumen zu verlangen, ist enervant wie für einen Zwölfjährigen das Wählen von Pfeifentabak bei einer grimmigen alten Gemischtwarenhändlerin. Das ordinäre Lächeln der Puppe zur Mitpuppe, als J. den Laden verläßt, ist selbstverständlich, aber man müßte ja nicht alles Selbstverständliche auch tun, denkt J. Umso stolzer schwenkt er draußen die Tragtasche, und schon heute abend wird er jede der großen roten Mohnblumen pflücken.
Perspektiven 6
In bräutlicher Seligkeit — mit übergehender Stimme — fragt sie ihn, von welcher Seite er wolle.