Dieses Städtchen sei als Urlaubsstädtchen festgelegt. Hierzu brauchen wir einen Urlauber, sei es allein, sei es mit etwas abseitsgehender Familie. Er kommt von einem jener modernen Buswartehäuschen, jener geräumigen, betonhellen, plattenflachen, mit Sonnenbänken und Überhangregendach und gutem Gehsteig, an einer Musterstraße, und schon mit Efeu sich einrankend und mit Blaurotgelbblumen sich färbend. Links und rechts von dem Häuschen schweigt die Straße die große Ruhe des Urlaubsortes, eine einzelne Frau geht über sie lautlos stadteinwärts, ein Spatz tschilpt, muß sich aber erst eintschilpen. Wind und Gräser werden sehr wichtig, ein Laden, der auch Zeitungen führt (Magazine), wird Oberkommando. Der Urlauber macht sich irgendwelche Notizen mit dem kleinen Urlaubskugelschreiber. Vielleicht notiert er: »Was ich mir auf Urlaubsreisen an Notizen abringe, genießt meine gesteigerte Bewunderung.« Er goutiert den Unterschied dieses Urlaubsortes von seinen Dienstreiseorten.
Beim Einmarsch in das Städtchen freut den Urlauber die Möglichkeit anderer Einmärsche, denn die Straße hat viele Parallelgäßchen. Auch freut ihn die Möglichkeit, verschiedene Teile des Tages beliebigen Stellen des Städtchens zuzuwenden, im Kirchlein des blauen und roten Fensterlichts ebensogut ein Amateurgebet zu schludern wie zu jammerschad heller Tageszeit im Ratskellerdüster zu trödeln oder zum Fischufer (Fischer) zu gehen, wo der Diluvium-Seebär in weinrotem Leibchen, mit Rahmenbart ums fette Kindergesicht und mit Matrosenmütze, darauf wartet, etwas hieven oder vertäuen zu können.
Bald aber bemerkt der Urlauber eine Einschränkung, ähnlich dem Pauliverbot, das es Elektronen unmöglich macht, in beliebigen Abständen um den Atomkern zu kreisen. Der Tag in dem Ort ist zerhackt von den Abfahrtzeiten der Busse, den Ankunftzeiten der Schiffe, den Eßzeiten in den wenigen Gasthöfen, den Ladenschlußzeiten dieser und jener Geschäfte. Um 15 Uhr 30 einen gebackenen Fisch oder an Zu lang verschlafenem Frühvormittag noch einen Kleinbus zur Richtstätte im Köpferlwald zu bekommen, ist ebensowenig möglich, wie im besten Sonnenschein mit Landwirtschaftschülerinnen spazierenzugehen, die um diese Zeit in einem nahen Mustergut festsitzen. Selbst der Abend ist Pauli, denn die Pension Lerchenruh verlangt von ihren Gästen, daß sie um 20 Uhr daheim seien und kein Radio mehr spielen.
Einen Tag früher als nötig, am zeitigen Nachmittag, reist daher unser Urlauber — belassen wir ihn vielleicht (wegen der Landwirtschaftschülerinnen) ohne Familie — ab, um am Abend in einer größeren Stadt, nördlich des Flusses, zu sein dort geht er in ein Tanzcafe mit Kegelbahn, ißt gebackenen Zander, hält ein blaßrosa, von daheim ausgerissenes Mädchen frei und ermöglicht ihr die Weiterfahrt in einen beliebten Selbstmörderort, resumiert in einem nächtlichen Bahnwartehäuschen den Urlaub, findet, es sei bis auf den scllönen Anfang eigentlich alles egal gewesen, kommt dann aber noch zu einem symmetrischen, nämlich aufregenden Abschluß, als die Tür in ein Bahnbeamtenzimmer jenseits der Gleise aufgeht und eine ferne verschlafene Atmosphäre mit einem richtigen Kachelofen opernglasnahe vor ihn gerät; er will aufstehen und nachforschen, was es mit seiner Kindheit und diesem Zimmer auf sich hat, aber da geht die Tür zu, Fliesen irrlichtern noch kurz einen Nachexzeß, und da wird die Nacht draußen auch schon unruhig, und der Zug fährt ein.